Kurdische Schule

Bildung muss erkämpft werden!

Staatliche Bildungsinstitutionen haben die zentrale Aufgabe die herrschende Hegemonie aufrecht zu erhalten und zu reproduzieren. Um aus diesen auszubrechen, braucht es selbstorgansierte Räume, welche eine selbstbestimmte Entwicklung fördern und der herrschenden Ideologie etwas entgegensetzen.
Die kurdische Schule, die wir besuchten, versucht dies in die Praxis umzusetzen und orientiert sich dabei an der kritischen Pädagogik. Die Pilotprojekte für diese Art von Schulen befinden sich in Gever (Yüksekova), Cizîr (Cizre) und Amed (Diyarbakır). Unter der aktuellen Ausgangssperre hat natürlich auch die Schule in Cizîr (Cizre) gelitten, wobei das Gebäude glücklicherweise nicht unwiederbringlich beschädigt wurde und die Wiederaufbauarbeiten schon angelaufen sind. Bisher wurden Unterrichtsinhalte für die Klassenstufen 1 bis 8 konzipiert. Unterrichtsinhalte ab der 9. Klasse bis zur Universität sind ebenfalls bereits in Planung. Von besonderer Bedeutung ist dabei, in Anbetracht des versuchten kulturellen Genozids, die Vermittlung von Sprache. Hierbei sollen alle Sprachen der Region berücksichtigt werden. Begonnen wird in der 1. Klasse mit Kurmancî, gefolgt von Kirmanckî bzw. Zazakî in der 2. Klasse, für Kinder, deren Erstsprache nicht Kurmancî ist und ab der 4. Klasse türkisch. Viele Sprachen bieten viele Chancen und erweitern immer den Horizont, wobei es um die Entwicklung eines Sprachgefühls und Verständnis hin zur Mehrsprachigkeit geht. Die Eltern mancher Schüler*innen sprachen selbst kein Kurdisch bzw. nur Türkisch. Sie sollen dies dann direkt von ihren Kindern lernen. Bedingt durch die aktuelle Kriegssituation nehmen nun auch einige kurdische und arabische Kinder, welche aus Rojava flüchten mussten, am Unterricht teil. Der türkische Staat behauptete, dass Kurdisch keine “wissenschaftliche Sprache” wäre und daher auch nicht gelehrt werden müsste. Dass dies lediglich einen Vorwand darstellt um die Kurd*innen weiter zu unterdrücken, hat die heftige Repression der letzten knapp 100 Jahre mehr als bewiesen. So sind unzählige Menschen in den Folterknästen der Türkei gelandet, da sie auf kurdisch gesprochen oder gar publiziert haben. Diese Schulen stellen den Gegenbeweis dar, da sowohl Kurmancî als auch Zazakî bzw. Kirmanckî in der Region verbreitet sind. Die Intention die Schulen zu gründen war die Erkenntnis, dass Kurdistan “nicht nur in vier, sondern in 1000 Teile zerschlagen wurde”. Die Sprache ist zerbrochen und hat den Menschen daher auch viele Punkte ihrer Identifikation geraubt und unter Repression gestellt. Der Anspruch ist also auch, alle Sprachen der Region zu lehren und zu verbreiten. Dazu soll sich das Konzept der Freien Schule mehr verbreiten, damit es auch solche Arten von Schulen gibt, in denen dann auch auf Armenisch und Arabisch unterrichtet wird.

Die Schulen konnten vor allem durch Unterstützung des Sprachvereins Kurdî-Der eröffnet werden. Hinzu kamen Spenden der Eltern, so konnte das Projekt realisiert werden. Viele der Lehrer*innen, welche auf Lehramt studiert haben, waren auch vor ihrer Stelle an einer Schule beim Kurdî-Der tätig, bei welchem sie auch eine pädagogische Ausbildung erhalten haben. Zu Beginn wurden noch alle Tätigkeiten in der Schule ehrenamtlich durchgeführt, erst mit der Tolerierung der Schule durch den Staat kann die Stadtverwaltung den Lehrer*innen etwas Gehalt zahlen. Auch in der Verwaltung gilt die Geschlechterquote, welche zu Beginn noch nicht ganz eingehalten werden konnte. Inzwischen besteht sie aus drei Personen, wobei zwei von ihnen zwingend Frauen* sein müssen. Kindergärten sind in den Städten ebenfalls an den Sprachverein angeschlossen.
Zuvor gab „nur“ Sprachkurse, was aber den Menschen vor Ort zu wenig war, da diese sich in der Vermittlung von Sprache erschöpften. Fächer, welche auch eine spätere akademische Weiterentwicklung ermöglichen würden, waren so verhindert. Daher sollten die kurdischen Schulen gleichberechtigt zu allen anderen in der Türkei & Nord-Kurdistan sein. Da dies eine “unrealistische Forderung” und dem türkischen Staat nicht daran gelegen ist, erfordert es die Lage, die einfach in die Praxis umzusetzen und nicht auf “milde Gaben und Zugeständnisse” des Staates zu warten. Dies lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Bildung muss erkämpft werden. Sie muss als Teil der demokratischen Autonomie verstanden werden. Egal ob dies dem türkischen Staat passt oder nicht.

Dem Anspruch der Schule zu Folge, geht es darum auch in Bildungsinstitutionen den Staat und seine Strukturen im Kopf zu überwinden. Dazu ist es nötig, diese immer wieder in Frage zu stellen, aber auch sich selbst kritisch zu betrachten. Die Schüler*innen sollen sich selbst permanent hinterfragen, sich selbst entwickeln und vor allem lernen „Nein!“ zu sagen. Sie können und sollen sich selbst definieren und nicht die Definition des Staates übernehmen. Wie bereits oben kurz beschrieben, werden diese Schulen daher auch als Teil der demokratischen Autonomie betrachtet. Dies bedeutet vor allen Dingen Selbstbestimmung und Selbstorganisation: Daher wurde bereits ein Elternrat eingerichtet und ab der 4. Klasse folgt ein Schüler*innen-Rat. Das bedeutet nicht, die Schüler*innen wären vorher nur Konsument*innen des Unterrichtsstoffes, das wäre ja kein Unterschied zu jeder anderen staatlichen Schule. Schon vorher können und sollen die Schüler*innen an der Unterrichtsgestaltung und –ausrichtung partizipieren und diese gegebenenfalls in Frage stellen. So ist selbstverständlich auch die Geschlechterfrage bzw. die Jineolojî ein zentraler Bestandteil des Lernens. In den ersten Jahren erfolgt dazu kein expliziter Unterricht, das Thema soll vor allem in den Bereichen Musik und Theater praktisch angegangen werden. Oder einfach in den kleinsten Interaktionen: So werden auch hier Märchen erzählt, nur dabei beispielsweise die tradierten Geschlechtervorstellungen in Frage gestellt, in dem diese in der Geschichte einfach verändert werden. Ab der 4. Klassen soll Jineolojî jedoch auch als eigenständiges Unterrichtsfach hinzukommen.

Wir wünschen unseren Freund*innen viel Kraft und weiterhin viel Glück, bei der Umsetzung dieses großartigen Projektes.

Auch Bildungsräume sind Freiräume!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.