Besuch in Pirsûs/Suruç

Bis an die Grenze der Revolution

Suruc, die letzte Stadt vor der Grenze zu Rojava. Während unserer Delegationsreise waren wir für einen Tag dort. Schon beim Ankommen merkten wir: Hier ist die Präsenz von Polizei und Militär besonders hoch. Als wir die Hauptstraße entlang fuhren sahen wir einige große Kasernen, in deren Vorhöfen sich Soldaten sammelten. Hier wird nur allzu deutlich, wieviel dem Staat daran liegt, die Oberhand zu behalten.

Erst einmal trafen wir uns im Haus der lokalen Stadtverwaltung mit dem HDP Co-Vorsitzenden zu einem kurzen Gespräch. Sie erzählten uns, dass der Krieg in Kobanî sehr starke Auswirkungen auf die Stadt Suruç habe. Die Solidarität mit Rojava war hier besonders stark. Die Türen standen zu dieser Zeit offen für geflüchtete und helfende Menschen.

Es wurden sieben Camps für Geflüchtete aus Kobanî als vorläufige Lebensräume geschaffen, außerdem die Verteilung der Menschen in weitere 107 kurdische Kommunen organisiert. Die Geflüchteten fühlten sich dadurch bestärkt und, wenn auch nicht zu Hause, so doch zumindest ehrlich aufgenommen.

Suruç war zur Zeit des Krieges in Kobanî das Zentrum für praktische Solidarität und der wichtigste Anlaufpunkt für Menschen, die im Kampf für Befreiung in Kobanî mithelfen wollten. Noch bis vor den Parlamentswahlen in der Türkei herrschte es hier eine gewisse Beruhigung, in der die Freiheit und Autonomie spürbar wurden.

Erdoğan hatte Angst vor dieser Befreiung. Der türkische Staat will jegliches Erstarken von Solidarität mit allen Mitteln bekämpfen. Die Ausrufung der Autonomie in Rojava hat sich auch in Suruç positiv ausgewirkt, was die starke türkische Militärpräsenz erklärt, die wir sahen. Als deutlich wurde, dass auch der IS die Kurd*innen nicht besiegen kann, verschärfte sich die Lage noch weiter. Nach der – für die HDP – erfolgreichen Wahl und dem IS-Anschlag in Suruç auf eine Jugendgruppe, intensivierte Erdoğan den Vernichtungskrieg gegen die kurdischen Strukturen, gleichzeitig wurde seine Unterstützung für den IS noch deutlicher.

Nahe Suruç liegt ein staatliches Camp für Geflüchtete, getragen von der Organisation AFAD, zuständig für Katastrophenhilfe in der Türkei. Der Zugang ist Außenstehenden komplett verwährt. So soll verhindert werden, dass Berichte über die Zustände dort an die Öffentlichkeit gelangen. Doch selbst Mitarbeiter*innen berichten, dieses Camp sei ein Anlaufpunkt für IS-Symphatisanten, die hier rekrutiert werden, letzten Informationen erhalten und dann nach Syrien gebracht werden.

Die Grenze zwischen Suruç und Kobanî ist für Kurd*innen, die zurück in ihre Heimat wollen oder die Stadt wideraufbauen möchten, komplett gesperrt. Auch Hilfslieferungen werden dort gestoppt. Jeder Meter ist vom türkischen Militär überwacht. Doch in Suruç unterstützt die Bewegung weiterhin Familien, die nach Kobanî zurückkehren möchten.

All die Solidarität und Entschlossenheit halten an, doch die Strukturen der Selbstverwaltung werden von Erdoğan mit enormer Repression belegt. Auch Unterstützung von außerhalb soll verhindert werden. Immer wieder werden freiwillige Helfer*innen festgenommen. Zum Abschluss unseres Gesprächs wünschte sich der Co-Vorsitzende deshalb mehr internationale Solidarität. Konkret bedeute dies zum Beispiel, es müssten wieder mehr Delegationen herkommen.

Nach diesem Gespräch fuhren wir direkt an die Grenze zu Rojava heran. Dort hatten wir einen beeindruckenden Blick: Kobanî. Wir sahen die Hügel, die uns allen von der monatelangen und internationalen Berichterstattung bekannt sind. Am Hang dieser Hügel reihten sich zerstörte Gebäude aneinander. Die Nachwirkungen eines intensiven Krieges waren direkt ersichtlich.

Die Grenze, die der türkische Staat bewacht, war kaum wahrnehmbar. Ein Akrep mit einigen Soldaten stand an einem flachen Erdwall. Von unserem Standpunkt aus waren es nur wenige hundert Meter nach Kobanî. Mensch müsste nur einige Minuten laufen und wäre in dem von Revolution und autonomer Demokratie aufgeladenen Rojava, doch hat das türkische Militär hier einen Schießbefehl, der schon häufig angewendet wurde. Hinter uns erstreckten sich weite grüne Wiesen, auf denen erst letztes Jahr zu beiden Seiten der Grenze Newroz gefeiert wurde. Vereinzelt standen einige Häuser in der ansonsten leeren Grenzregion.

In eines dieser kleinen Dörfer fuhren wir als nächstes. Von dort aus hatten wir nochmals einen guten Blick auf Kobanî. Die Situation beeindruckte uns alle sehr. Hier haben auf engstem Raum Menschen für Freiheit, Frauenbefreiung und ein Leben entlang des demokratischen Konföderalismus gekämpft. Hier standen Beobachter*innen und sahen den Straßenkämpfen zu, deren Bilder sie in alle Welt sandten, als die Anteilnahme noch groß war. Es war eine skurile Atmosphäre, als würde man/mensch die Revolution auf der Kinoleinwand beobachten. Diese unsichtbare Grenze baut eine Distanz auf, die man nicht sehen kann, sie sich aber wie ein Schleier über den Blick legt. Hier haben sich Menschen für uns alle aufgeopfert und gelitten und das das in vollem Bewusstsein, wofür sie kämpfen.

Das Dorf in dem wir nun standen, besteht aus einigen Lehmhäusern, eine Kuh war an einem Stein angebunden, in einer Umzäunung standen dicht an dicht einige Ziegen. Hier besuchten wir ein kleines Museum. Von außen wirkte es unscheinbar, eine Lehmhütte mit drei kleinen Räumen. Diese Hütte dient dem Gedenken der Märtyrer*innen, welche im Kampf gegen den IS und für die Freiheit fielen. Derjenige, der dieses Museum errichtete, ist ein motivierendes Beispiel dafür, mit wieviel Leidenschaft Menschen für wirkliche Freiheit kämpfen können. Während des Krieges in Kobanî, saß er an der Grenze fest. Er baute das Museum zu dieser Zeit völlig alleine mit seinen eigenen Händern auf.

In den Räumen hängen rundherum eng beieinander die Bilder der Gefallenen aus Kobanî. Darunter einige internationale Plakate der kurdischen Bewegung, Fahnen der YPJ und YPG und viele Bücher. Die Atmosphäre ist kaum mit Worten zu fassen. In absoluter Stille betraten wir die Räume. Einmal mehr wurden wir hier an die unermessliche Entschlossenheit erinnert, die die Freund*innen in diesem Kampf an den Tag legen. Wir waren mit tiefstem Respekt erfüllt.

Der Mensch, der dieses Haus erbaute, ist schlußendlich nach Kobanî in den Kampf gezogen und bei einem Anschlag des IS gefallen. Es ist erbauend, aber unvorstellbar, wie sehr sich Menschen für die Freiheit aufopfern können.

Diese Grenze hier, zwischen Rojava und Bakur durchzieht den wichtigsten Ort der Revolution unserer Zeit. Auf der einen Seite die erfolgreiche Revolution Rojavas, auf der anderen Seite der beeindruckende Widerstand der Menschen Nordkurdistans. Von hier kommen die stärksten Impulse für einen Befreiungskampf, gegen einen individualisierenden Neoliberalismus, gegen das Patriarchat und gegen Faschismus. Hier entscheidet sich unser aller Zukunft. Werden wir in einer faschistischen Zeit leben oder wird der Befreiungsgeist siegen? Die beiden Gebiete sind durch Gewalt voneinenader distanziert, aber im Widerstand vereint. Hier werden befreite Strukturen erkämpft. Hier ist der Ort der Orte unserer Generation. Wer das in den eigenen Kämpfen nicht im Bewusstsein hat, versteht die Zeichen der Zeit nicht. Vieles hängt hiervon ab.

Nach dem intensiven Moment direkt an der Grenze und im Museum, fahren wir zu einem weiteren Ort der Aufopferung. Wir betraten den Hof des Jugendhauses Amara Culture Centre in Suruç, in dem Menschen wie wir, mit Block und Stift in den Händen, bei einem hinterhältigen Anschlag starben. Ein Baum, in dessen Rinde noch Spuren der Explosion eingegraben sind, steht neben der Fahne der Delegation, die nun nicht mehr für die Befreiung kämpfen kann.

Doch trotz all der Trauer, die anwesenden Jugendlichen geben Hoffnung. Eine Freundin*, die den Anschlag überlebte, sagte uns, sie weiß nicht, ob sie froh sein soll überlebt zu haben oder traurig, da sie nicht mit ihren Freund*innen gegangen ist. Diese Worte mögen aus Sicht vieler pathetisch klingen, doch sie kamen von Herzen und waren zutiefst ehrlich. In diesem Moment spürten wir ein wenig des unermesslichen Schmerzes, den die Menschen vor Ort zu ertragen haben. Wir möchten hier mit einemSprichtwort enden, das uns die Freundin* mit auf den Weg gab:

„Das Lachen der Hoffnung und die Tränen des Schmerzes sind bei allen Menschen gleich.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.